4:45 klingelt der Wecker. Der wohl anstrengstende Part und gleichzeitig das Higlight jedes Peru-Trips beginnt. Der 4 Day Inca Trail. Circa 40 km hat man vor sich - klingt nicht viel? Doch: Von 2600m auf knapp 4200m über steile Treppen, Steine, Geröll. Heute legen wir 11-12 km zurück. Vorbei an wilden Pferden, Eseln und Alpaquas. Erste Ruinen tun sich vor uns auf. Die Terrassenbauweise und die präzise, geometrisch präzise Anordnung der Inkagebäude fasziniert.
Insgesamt ist Tag 1 eine sehr leichte Strecke, doch die ersten husten schon. Respekt: Wir haben zwei Astmatiker unter uns. Ich bin froh, dass ich mich drei Tage zuvor durch den Colca Canyon quälte und bin recht gut vorbereitet, obwohl mich seitdem noch heftigstes Fieber und Magenprobleme plagten (nach Ankunft in Cuzco hätte ich fast gecancelt, so dreckig gings mir). Abends serviert man uns Fisch, Reis, Gemüse...eine Wohltat. Zwischen unbequemen Klappstühlen lernt man sich am engen Tisch kennen. Um 20 Uhr ist Feierabend - nach 8h laufen und dem Wake-up call um kurz vor Fünf ist man hundemüde. Ich teile mir mein Zelt mit Peter aus Dänemark. Er reist alleine, macht eine 4monatige Pause vom Alltag. Das muss sein. Wir freunden uns an: zwei ITler mit harten Jobs. Ich schlafe die erste Nacht zwar recht gut, Schatzis geliehener Schlafsack ist jedoch einen Tacken zu dünn - so leg ich nachts noch eine Schicht aus Lederjacke und jogginghose drüber. Langsam wird's warm. Es ist Outdoor pur: nicht nur das Schlafen in 3200m Höhe, ganz besonders die Plumpsklo's sind abenteuerlich (komplett verdreckt, oftmals keine Spülung). Da muss man durch. Nichts für Luxusreisende....
Camping pur: Mittags erreichen wir die erste Zwischenstation. Ein (sehr armes) peruanisches Dorf. Man bereitet uns Fisch und Fleisch vor. Alles frisch.
Day II - Ascent and Descent
Um 6 Uhr klopft unser Inca-Guide an und reicht uns Coca-Tee ins Zelt. So wird man wach. Nach dem Frühstück geht's pausenlos bergauf, die Stufen nehmen kein Ende. Ich atme im Rythmus meiner Schritte und konzentrier mich auf die Steine vor mir. Es ist extrem anstrengend, aber: mit Colca Canyon kann das hier nicht ganz konkurrieren - vielleicht weil ich weniger mit mir schleppe oder weil ich mir diesmal (wie die gesamte Gruppe auch) einen Wanderstock für schlappe 10 Soles kaufte. Vermutlich hilft auch die Tatsache, dass mir die Sonne nicht ständig in den Nacken scheint. Wir machen alle 1-1 1/2 Stunden kurze Verschnaufspausen. Dann gibt's sogar ein zweites Frühstück - der Koch unserer Gruppe macht uns Popcorn (!) und Sandwiches. Gegen 12 Uhr erreichen Peter und ich die Spitze: 4200m. Hier fällt das atmen schwer, es ist schweinekalt und es regnet. Doch die Aussicht ist atemberaubend: der Blick fällt auf schneebedeckte 6000m hohe Gebirgsketten und ins Dschungeltal - dazwischen verfallene Ruinen, die hier seit 1200 Jahren stehen. Beeindruckend. Nun machen wir uns auf den Weg gen Camp, das auf 3600m Höhe liegt.
Day III - The longest Journey
Um 5:30 geht's raus. Der schwerste Tag steht uns bevor. 10 Stunden Walking. Ein Abstieg von 600m über einen nassen und sehr steilen Steinweg - den gingen schon die Inca vor hunderten Jahren entlang. Mein Terrain. Ich trotte mit flottem Tempo runter; ein schöner Tag um sich das Genick zu brechen. Die Aussicht wird besser. Wir rasen durch Nebelschwaden und Wolkenfetzen. Weiter geht's über Ruinen. Die Sonne zeigt sich, als wir das Camp erreichen: spätestens jetzt weiss man, wofür man sich die Mühe macht.
Abends im Zelt gibt's wieder ordentlich Futter: doch statt Reis und Suppe gibt's feinsten Fisch, Nudeln und - jetzt kommt's - eine frisch gebackene Torte mit Schokoguss. Ja, in einem Zeltlager in 2800m Höhe - fernab jeglicher Zivilisation und Strom - serviert man uns Torte im mitgebrachten Mini-Ofen. Die Gruppe klatscht. Ich finds natürlich auch ein wenig dekadent, doch die Geste und das Talent des Gruppenkochs beeindruckt. Ich haue rein. Die gruppe organisiert noch einen kleinen Tip für den Reiseführer, den Koch und die Porter, die uns das gesamte Campingequipment tragen. Sie sind es, die nach Abbau schwer beladen an uns vorbei rennen, lang vor uns die jeweils nächste Campingstation erreichen und alles aufbauen. Mein Respekt.
Hinter den 6km hohen Gebirsketten (deren Namen mir entfallen ist, da aus 65 Buchstaben bestehend) erlebe ich einen Mondaufgang. Die Gruppe staunt. Viele haben das noch nie gesehen.
Day IV - Back to Civilization
3:40 Uhr werden wir geweckt: Zuhause würde mich das schwer anpissen. Hier in der Natur macht's Spass. Man ist sofort wach. Bereit für das Highlight des Trips: das Weltwunder Machu Pichu. Peter und ich kramen dennoch unsere sieben Sache zusammen; Schlafsack, Matte, nasse Klamotten, Wanderstock. Es gibt zum letzten Mal Frühstück im Gemeinschaftszelt: Coca Tee und Pancakes (wieder mit Schokoguss). Wir legen los. Doch nach 500m kommt die Gruppe zum Stillstand. Ein Checkpoint hält uns auf, verlangt dass wir der Gruppe vor uns genügend Abstand lassen (die waren noch früher wach und fertig als wir?!). Man sagt uns, dass es in 50 minuten weiter geht. Peter und ich schauen uns an - ich sag nur "Rainponcho, ground, sleep" - mittlerweile sind wir ein aufeinander abgestimmtes Paar. So breitet er einen unbenutzten Regenponcho auf dem Weg aus. Man schläft auf dem kalten Boden weiter. Die Sonne geht auf und es geht weiter. Wir laufen auf und ab (meist ab) über die alten Inca-Strassen, vorbei an Ruinen. Die Steinwege sind noch etwas nass: links solider Felsen, rechts tiefer Abgrund. Wer hier abrutsch, kann ausschecken. Keine Frage. Es gibt keine Abgrenzung, keine Absicherung. Man ist 100% auf sich selbst angewiesen. So muss es sein. Am Ende stehen wir vor der steilsten Steintreppe, die ich je gesehen habe. Aufrecht laufen ist nicht. Wir krabbeln die 100 Stufen hoch. Am Ende erwartet uns das Sonnentor. Hier warten eir auf den Sonnenaufgang, der den den tiefer gelegene Machhu Pichu und die beeindruckenden Inkaruinen beleuchtet. Wir sind da. Doch der Ersteindruck wird getrübt: Eine Gruppe gestörter Australier und Spanier krakelt laut, lachen wie Hyänen. Man macht Spass-Fotos. Wie am Ballermann. Wir schämen uns für diese Vollidioten, die eine
derartige Schönheit nicht zu schätzen wissen. Bleibt in euren 3*** All-Inclusive Resorts, danke. Jetzt sind's nur noch 1-2km bis zu den Ruinen. Es ist wolkig, hier und da tröpfelts. Mir ist das egal: die Sicht auf die Ruinen beeindruckt. Nach den vermutlich anstrengendsten und aufregendsten 4 Tagen seit Jahren haben wir das Ziel erreicht. Auf uns blicken Ruinen, die bis 700 nach Christus zurückreichen. Auf 2400m Höhe gelegen, gut versteckt zwischen 3 massiven Gebirgsformationen (4800-6000m Hoch). Insgesamt verbringen wir hier 3 Stunden mit der Gruppe, lassen uns alles erklären. Am Ende wollen alle runter ins Dorf. Für Peter, mich und die zwei Amis (John und Dan) der Gruppe kann's das nicht gewesen sein. Das war unser Ziel, hierfür haben wir 4 tage gekämpft. Wir entscheiden uns, einen ruhigen Punkt zu suchen und einfach nur zu "meditieren". Eine der hoch gelegenen Farmterassen macht uns an: wir setzen uns im Schneidersitz ins kalte, nasse Grass und lassen das Wunder auf uns wirken. Es dauert bei mir min. 10-20 min, ehe ich wirklich (!) fassen kann, was ich hier sehe. Ehe ich es wirklich aufnehmen kann. In der Zeit ziehen Wolken auf und verdecken die Ruinen. Nach wenigen Minuten sind sie schon verschwunden. Ich konzentriere mich und versuche mir vorzustellen, wie man damals hier lebte. Vor dem inneren Auge komplettiere ich die Häuse, die Tempel und die Farmterassen. Machu Pichhu lebt.
Zu guter Letzt bleibt eins zu sagen: Wir sind unheimlich stolz. Touris, die den Zug und Bus hier hoch nehmen, haben es nicht verdient zu sagen, dass sie Machhu Pichu gesehen haben. Vier Tage im freier Natur, Plumpsklos, zusammengerechnet wohl 30 Stunden reine Wandereit, Kämpfen gegen Regen und Kälte und das Entwickeln einer tollen Teamgemeinschaft.